Prolog

Wenn ein Teil der Seele getötet wird, ist man dann seelenlos? Kann man eigentlich eine Seele töten und gleichzeitig leben? Kann man Gut und Böse trennen?
Benjamin saß auf einem Hügel. Zwischen seinen Fingern rieb er einen getrockneten Grashalm.

Er starrte in die Ferne, wo er die Silhouette eines Mädchens auf einem Pferd erkannte; Svenja. Sie wollte ein letztes Mal auf Seelenheil, das wohl ungewöhnlichste Pferd, das Benjamin je gesehen hatte, ausreiten. Svenja wollte sich von dieser Welt, in der sie die letzten Wochen verbracht hatten, verabschieden.
Benjamin hatte den Augenblick genutzt, um sich zurück zu ziehen, und um ein wenig nachzudenken. Wie lange waren sie nun schon hier? Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Zumal er die meiste Zeit ihrer Anwesenheit in dieser Welt bewusstlos war, und ein Teil von ihm die Herrschaft dieser sonderbaren Welt an sich gerissen hatte. Bei dem Gedanken daran, schüttelte Benjamin den Kopf. Fast hätte er über sich gelacht. Weltherrschaft… ER?! Alles was er immer wollte, war bei Svenja zu sein. Svenja, die nun so viele neue Freunde hatte. Freunde, die schon lange das zeitliche gesegnet hatten, Freunde, die sie bald wieder verlieren würde, sobald sie diese Welt verließen.
Er stand auf und verzog schmerzhaft das Gesicht. So ganz waren die Spuren seiner bewusstlosen Gefangenschaft noch nicht verschwunden. Wie mochte sich Svenja da nur fühlen? Sie hatte immerhin einen Krieg angeführt. Einen Krieg gegen ihn.
Benjamin biss sich auf die Lippen. Es war doch kein Krieg gegen ihn, fuhr er sich gedanklich an. Es war ein Krieg gegen das Böse. Das Böse was Svenja, gemeinsam mit ihren neuen Freunden, besiegt hatten.
Gerade wollte er seiner Freundin entgegen eilen, da war Leo schneller. Schwungvoll hob er sie vom Pferd und schloss sie in die Arme. Normalerweise hätte ihn ein solcher Anblick geschmerzt; Svenja in den Armen eines Anderen. Aber abgesehen davon, dass Leo kein wirklicher Konkurrent war, da er glücklich in Tamina verliebt und zudem seit Hunderten von Jahren tot war, störte es ihn nicht. Irgendetwas in seinem Inneren hatte sich verändert. Etwas, was er aber weder beschreiben, noch verstehen konnte. Benjamin wollte sich über Svenjas Rückkehr freuen. Sie mit seiner gewohnten Heiterkeit begrüßen, doch er spürte keine Heiterkeit. Er spürte auch keine Freude; und er spürte keine Liebe für Svenja. Ja, natürlich er „mochte“ sie. Doch er mochte auch Amira, Leo und die anderen. All dies war oberflächlich. Seit er aufgewacht war, suchte er vergeblich nach einem intensiven Gefühl. Einen Impuls, der ihm signalisierte, dass er noch lebte. So sehr er sich auch bemühte; die erhoffte Gefühlsregung trat nicht ein. Benjamin legte eine Hand auf sein gleichmäßig schlagendes Herz. Er lebte, auch wenn seine Seele ihn offenbar verlassen hatte.